Projekt NEW 4.0 – Norddeutsche Energiewende

von | 18. Mrz 2019 | 0 Kommentare

Unter dem Titel »NEW 4.0« hat sich in Hamburg und Schleswig-Holstein eine einzigartige Innovationsallianz aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik gebildet. In dem länderübergreifenden Großprojekt soll gezeigt werden, wie die Gesamtregion mit 4,5 Millionen Einwohnern bereits 2035 zu 100 Prozent mit regenerativem Strom versorgt werden kann – sicher, zuverlässig, gesellschaftlich akzeptiert und mit deutlichen CO2-Einsparungen.

Die Stadtwerke Norderstedt untersuchen im Rahmen des Projekts NEW 4.0 die Nutzung von überschüssiger Windenergie durch Privatkunden. Windenergie ist in Schleswig-Holstein häufig zu viel vorhanden. Aktuell müssen Windräder abgeregelt werden, um die gleichmäßige Spannung im Stromnetz zu garantieren. Wenn dieser Überschuss an Energie jedoch sofort verbraucht würde, müssten Windräder nicht mehr stillstehen.

Technische Basis des Projekts der Stadtwerke Norderstedt ist die vorhandene Infrastruktur aus Smartmeter (digitaler Stromzähler) und Fritzboxen (Router). Jeder, der an dem Projekt teilnehmen möchte, muss im Versorgungsgebiet der Stadtwerke Norderstedt sein, Stromkunde der Stadtwerke sein und eine Zusatzvereinbarung unterschreiben. Folgend bekommt man als Leihgabe vier schaltbare Steckdosen und den homee-Basiswürfel (Wert ca. 400 EUR).

Ziel des Projektes der Stadtwerke ist es zu erforschen, ob über finanzielle Anreize Privatpersonen gewillt sind, die Nachfrage nach Strom zu verschieben und dem Angebot anzupassen. Über die schaltbaren Steckdosen erhalten die Teilnehmer in der Testphase (bis Ende 2020) zu unterschiedlichsten Zeiten günstigen Strom aus Windenergie. Die Steckdosen werden bei “zu viel” Windenergie im Stromnetz von der Stadtwerke scharf geschaltet und folgend der bezogene Strom rabattiert.

Eine der am häufigsten gestellten Fragen ist, welche Verbraucher so viel Strom verbrauchen, als dass sich der Aufwand lohnt bzw. welche Verbraucher überhaupt geeignet sind, aus der Ferne geschaltet zu werden. Von den Stadtwerken werden Verbraucher wie Waschmaschinen, Trockner, Spülmaschinen, Pufferspeicher von Heizungen, Stromspeicher oder Elektroautos genannt.

Im ersten Moment denkt man, für 5 bis 10 Euro im Monat habe ich keine Lust auf “den Stress”. Genau so haben wir Anfang 2015 auch gedacht, als wir unsere Photovoltaikanlage bekommen haben. Dabei stellte sich die Frage, ob wir wirklich die Spül- oder Waschmaschine per interner Zeitschaltuhr vorstellen wollen, um den eigenen Strom vom Dach zu nutzen und nicht den Strom aus dem öffentlichen Netz. Wir mussten feststellen, dass neben dem finanziellen Aspekt (der Strom vom Dach kostet uns etwa die Hälfte) auch der Aspekt des positiven Gefühls nicht zu vernachlässigen ist. So ist das Gefühl sehr angenehm, wenn man weiß, dass für den eigenen Stromkonsum kein Hambacher Forst gerodet werden musste oder Atomkraftwerk gelaufen ist. 

Eine ähnliche Anpassung wird der allgemeine Teilnehmer des Projektes auch machen. Wobei er dabei “nur” zwischen normalem Strombezug und rabattierten Strombezug unterscheiden wird. Dazu kommt, dass anders als bei einer Photovoltaikanlage, für die Verfügbarkeit des günstigen Windstroms aktuell noch keine Prognose durch die Stadtwerke Norderstedt vorhanden ist. Für uns würde eine weitere Umgewöhnung nicht mehr so stark sein. Trotzdem stellt sich für uns die Frage, inwieweit wir unsere Stromnachfrage noch weiter an ein Stromangebot anpassen können.

Abgesehen von dem guten Gefühl, dass auf Basis des eigenen Stromkonsums nicht so viele Windkraftanlagen abgeschaltet werden müssten, stellt sich die Frage, ob mit einem Wechsel des Stromanschlusses zu den Stadtwerken Norderstedt inkl. des Forschungsprojektes auch ein monetärer Nutzen erzielbar ist. Diese Frage muss jeder ganz persönlich für sich errechnen. Pauschal: alle, die heute schon Stromkunde der Stadtwerke Norderstedt sind, können tendentiell nur sparen! In unserem Fall haben wir in 2018 einen externen Strombedarf von 1879 kWh gehabt. Unser aktueller Stromanbieter sind die Stadtwerke Hannover, wo wir einen Grundpreis von 5,68 Euro haben und die Arbeitsstunde Strom 26,23 Cent kostet.

Im Vergleich zum aktuellen Tarif müssten wir in den Tarifen fairwatt (Grundpreis 3,71 Euro und Arbeitspreis 30,33 Cent) sowie tuwatt (Grundpreis 3,50 Euro und Arbeitspreis 31,07 Euro) der Stadtwerke Norderstedt 53,34 Euro (fairwatt) bzw. 64,76 Euro (tuwatt) mehr pro Jahr bezahlen. Dies bedeutet, dass wir durch den rabattierten Strom je nach Tarif der Stadtwerke Norderstedt erst einmal 53 bis 65 Euro einsparen müssten, damit ein Wechsel monetär lohnenswert wäre. Sollte der Strom also in den rabattierten Phasen nur 5 Cent kosten, wie in den FAQ angedeutet, müssten wir zwischen 211 und 248 kWh  bzw. 11-13% unseres externen Strombedarfs rabattiert beziehen.

Da von den Stadtwerken aktuell keine Aussage zu der Häufigkeit des preiswerten Windstroms zu bekommen ist, ist für uns mit vorhandener Photovoltaikanlage und ohne weitere Großverbraucher (Speicher, Elektroauto) ein Wechsel monetär aktuell nicht attraktiv. Sollte im Projekt jedoch z.B. eine Variante getestet werden, inwiefern an nachfrageschwachen Tagen wie dem Wochenende der Strombezugspreis rabattiert werden könnte, würde dies wesentlich mehr auf unser Anforderungsprofil passen und eine Teilnahme sofort attraktiv werden.

Einige unserer Nachbarn besitzen jedoch entweder einen Stromspeicher oder ein Elektroauto und bewerten aus dieser Sicht das Projekt auch monetär als sehr spannend. Insbesondere, wenn selbst an sonnigen Tagen z.B. durch ein Elektroauto ein Bedarf erzeugt werden kann, der über der eigenen Stromproduktion der Photovoltaikanlage liegt, bringt das Projekt ganz schnell einen monetären Vorteil. So muss jeder auf Basis seines eigenen Strombedarfs schauen, ob eine Teilnahme an einem solchen Projekt für den eigenen Bedarf passend ist und man die ggf. entstehenden Umstellungen in der Nutzung tragen möchte.

Bildquellenangabe: Gabriele genannt Gabi Schoenemann / pixelio.de